Hauptsache gesund bei 32 Grad

Es gibt Verlockenderes, als bei tropischen Temperaturen eine Messe zu besuchen. Ein schattiges Plätzchen, einen Biergarten am Fluss, das Meer oder offene Gärten. Aber: teamMedi begleitet die Messe für alternative Heilmethoden „Hauptsache gesund“ seit ihrer Premiere im Oranienwerk. Auch am gestrigen 28. Mai 2017. Zum vierten Mal hatte Veranstalterin Petra Michael, besser bekannt als „Kaffeetante“ und Inhaberin des gleichnamigen Bistros, über 40 regionale Gesundheitsdienstleister eingeladen. Erstmals fand die Messe sonntags statt. Zudem verlegten einige Aussteller ihren Stand ins Freie. Gute Idee, fanden Besucher, die bei veganem Mittagessen oder einem Kaffee ein Gespräch mit Erste-Hilfe-Lehrer Maximilian Schulz, mit dem Team der Lehnitzer Praxis Körper & Klang, einen Hörtest bei Hörakustikmeisterin Diana Elsner oder eine aktive Yoga-Stunde mit Ute Gladis planten.

Von Berufs wegen gespannt auf Neues, stellte sich die Frage: „Was ist alternativ?“ Und was würden die Heilpraktiker zur in der vergangenen Woche von der deutschen Ärzteschaft geforderten Reform ihres Berufsstandes sagen? Nur entsprechend anfälligen Menschen zog beim Betreten des Saals ein irrer Duft von Esoterik in die Nase. Ausgerüstet mit einem Stand-Plan und dem Programm aus 13 einstündigen Vorträgen hieß es, so viel wie möglich zu erfahren. Leichter gesagt als getan, denn wenn sich die regionale Health Community trifft, ist rationelles Vorwärtskommen schwierig. „Hauptsache gesund“ kann also auch als Netzwerk-Event gelten.

So kamen Ernährungsberaterin Nicole Lipinski aus Hennigsdorf und Heilpraktikerin Carola Schlender aus Velten, beide erstmals dabei, ins Gespräch. Über Lebensmittelunverträglichkeiten und das Wirken von Hildegard von Bingen. Und über Genuss, der keine Promille braucht. „Lässt sich bei Bedarf beliebig verdünnen“, erfuhren Besucher, die einen alkoholfreien, nach Johannisbeere schmeckenden Bio-Aperitif probierten. Gesund? Zweifler dürfen die enthaltene Kräutermischung aus Weißdornbeeren, Holunderbeeren, grünem Haferkraut, Melisse, Schachtelhalmkraut, Löwenzahn, Rosmarin, Lemongraskraut, Wacholderbeeren, Buccoblättern, Salbei, Enzianwurzeln, Wermut- oder Tausendgüldenkraut hinterfragen. Alle anderen werden sich die Alternative zu Alkohol merken.

Ein gutes Drittel der Anbieter waren Heilpraktiker mit verschiedenen Praxisschwerpunkten: von Körpertherapie über Schmerzbehandlung bis Traditionelle Chinesische Medizin. Als Wiederholungsbesucher fällt der Blick zuerst auf Neues. GUA SHA ist eine Therapie, die Heilpraktikerin Nadine Schumacher anwendet. „Sieht schlimmer aus als es ist“, sagt sie. „Nur wenigen schmerzempfindlichen Menschen tut es weh, wenn durch eine Schabetechnik rote Streifen auf der Haut entstehen.“ Ein bisschen Schmerz kennen auch die Patienten von Heike Frey. Die in ihrer Privatpraxis in Schwante tätige Physiotherapeutin schwört auf ein Wirbelsäulen-Mobilisations- und Muskellängentraining, das auf Holzgeräten durchgeführt wird. Sehr effektiv vor allem für viel sitzende Büroarbeiter. Bedroht von der aktuellen gesundheitspolitischen Debatte sah sich keiner der befragten Heilpraktiker. „Wer solide ausgebildet ist und transparent kommuniziert, muss sich davor nicht fürchten“, ist Heilpraktikerin Angela Henneke, Leiterin der Heilpraktiker-Schule Scios in Birkenwerder überzeugt.

Der Messerundgang endete mit einer Überraschung. „Ich bin vorbereitet“, lachte Vera Szymansky nach kurzem Gespräch und zog eine Presseinformation aus der Tasche. Die Berlinerin ist als zertifizierter Coach tätig und war zum ersten Mal auf die „Hauptsache gesund“ gekommen. „Ich habe mich im Vorfeld informiert und Ihre PR-Umfrage-Auswertung gelesen.“ Burn-out-Prävention und Stressreduktion liegen ihr besonders am Herzen. Mit dem Ansatz „vom Problem weg hin zu einer Lösung“ führt sie ihre Klienten zu Aha-Effekten.

Wie alternativ eine Gesundheitsmesse sein darf, ist eine Frage des Konzeptes. Über Magnetschmuck, Heilsteine, entspannungsunterstützende Technik vom Lautsprecher bis zum Sessel oder Nahrungsergänzungsmittel darf man geteilter Meinung sein. Wer heilt, hat Recht. Weniger Esoterik, mehr Fachlichkeit bekommt der Messe aber offensichtlich gut. Zwei alternativmedizinisch tätige Schulmedizinerinnen, alle der befragten Heilpraktiker und Therapeuten sowie die erstmals beteiligten Sport- und Fitnessanbieter und eine in der Region engagierte Krankenkasse plädierten für das konstruktive Miteinander der Professionen.

Aus Sicht der Öffentlichkeitsarbeit hat das Format gewonnen, auch wenn die Besucherzahlen aus den Vorjahren nicht erreicht wurden. Knapp 100 Interessierte aus den umliegenden Landkreisen fanden bei Spitzentemperaturwerten von 32 Grad den Weg ins Oranienwerk. Viele Menschen probierten über mehrere Stunden diverse Angebote aus, manche blieben den ganzen Tag. Beide Tageszeitungen – Märkische Allgemeine und Oranienburger Generalanzeiger – berichteten. Sollte die Anregung aus dem Ausstellergremium nach mehr und künftig gemeinsamem Werbeengagement umgesetzt, die Frage nach einer Terminverlegung in die kältere Jahreszeit geklärt werden können und man sich eventuell auf ein jährliches Überthema fokussieren könnte (als Idee), steht einer 5. Auflage der „Hauptsache gesund“ im Jahr 2018 garantiert nichts entgegen. Gerade weil Gesundheitsmessen im Land momentan inflationär in Veranstaltungskalendern zu finden sind.

Foto: ©Dagmar Möbius

Kein Männerspielzeug, aber sehr effektiv: Die Holzgeräte zur Wirbelsäulen-Mobilisation und Muskeldehnung probierten trotz Hitze viele Besucher.

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