Was eine leere Teetasse mit gesunder Kommunikation zu tun hat

So gefährdet pflegerisches Desinteresse ärztliche Kunst

Ein Angehöriger muss akut vom Notarzt in die nächsterreichbare Klinik verlegt werden. Anderthalb Stunden entfernt von der Heimat. Nachts um drei ruft die diensthabende Ärztin an und fragt nach einem Medikament aus einer Vorbehandlung. Wer sie ist, wo der Angehörige konkret gelandet ist und welche Verdachtsdiagnose besteht, bedarf mehrerer Nachfragen. Am nächsten Tag soll entschieden werden, ob operiert werden muss. Der Angehörige ruft, unter starken Schmerzmedikamenten stehend, zu Hause an. Sein Akku ist fast leer, er war auf einen Krankenhausaufenthalt nicht eingestellt. Anders als gewöhnlich ist er kaum zu verstehen. Kann er in die Heimat verlegt werden? Keine Ahnung. Nicht sofort kann daheim alles fallen gelassen werden.

Am nächsten Morgen Anruf auf Station. „Ach, kommen Sie doch morgen früh, dann wissen wir, wie er die Operation überstanden hat.“ Das klingt wenig beruhigend. Kennen die die Vorgeschichte? Sind die kompetent? 1.000 Fragen. Also ab auf die Autobahn, sich selbst ein Bild machen. Angekommen, dämmert der Frischoperierte langsam aus der Narkose. Auf dem Nachttisch liegt ein aus der Verpackung genommenes Wattestäbchen und trocknet vor sich hin. Der Patient hat seit zwei Tagen nichts gegessen und getrunken. „Ich hab Hunger“, brabbelt er vor sich hin. „Ihr Schweinebraten hängt hier“, lacht die Schwester und verweist auf den Tropf.

Nach Stunden am Bett ist der Angehörige wach, darf aber nicht aufstehen. Er kann es auch nicht. Auf dem Nachttisch liegt ein Stapel Papiere, die ausgefüllt und unterschrieben werden sollen. Der Patient, noch lange nicht im Rentenalter, ist dazu nicht in der Lage. Es fragt auch keiner danach. Kurz vor der Rückreise die Bitte an eine Schwester, auf ein paar Besonderheiten zu achten. Ihre Antwort offenbart erschreckende Unkenntnis. Zudem trägt kein Teammitglied ein Namensschild. Immerhin: „Wir sind eine innere Station, auf der Chirurgie war kein Bett frei.“ Aber an einer zugewandten Pflege ändert das doch nichts? Ist der Angehörige hier in guten Händen?

Zwei Tage später ruft der Patient selbst an. „Hol mich nach Hause, gleich, der Doktor hat’s erlaubt.“ Frisch operiert. Wird schon gehen irgendwie, den Rest klären wir vor Ort. Wieder auf der Station: „Guten Tag, ich darf meinen Angehörigen abholen.“ Ein schnippisches „naja“ winkt zum Zimmer. Weitere Informationen? Fehlanzeige. „Nur raus hier“, will der Patient. Erst im Auto erzählt er. Am ersten Tag nach der OP zerrte ihn eine Schwester früh am Arm. Er sollte zum Waschen aufstehen. „Mir tut alles weh“, gab der nicht als wehleidig Bekannte an, versuchte es, aber schaffte nicht, sich zu setzen. „Haben Sie nichts gegen Schmerzen bekommen?“, fragte die Pflegerin, ließ den Arm fallen und beschloss: „Dann bleiben Sie eben liegen.“ Das blieb er bis zur Entlassung. Ungewaschen. Seine Blutdruckwerte bewegten sich – ungewohnt – an der Grenze zum Schlaganfall. Seine Ente am Bett wurde nur auf Bitte geleert. Das Bad, von einem betagten Zimmermitbewohner, der die Toilette nicht traf, von Kot beschmiert, könne erst gereinigt werden, wenn die Putzfrau wiederkomme.

Am zweiten postoperativen Tag hatte man ihm eine leere Tasse mit einem Teebeutel hingestellt. Frohen Mutes, aber noch wacklig, schaffte er es gegen zwölf Uhr auf den Gang und fragte nach heißem Wasser. „Gibt’s jetzt nicht. 15 Uhr ist Kaffeezeit“, lautete die Antwort. Glücklicherweise war der visitierende Chirurg noch in der Nähe und wies die Schwester an, sich sofort darum zu kümmern. Dass es eine Teeküche gab, in der Patient sich selbst hätte bedienen können, wusste er nicht.

Als die Schwester des Hausarztes die Verbände sah, schüttelte sie den Kopf. „Kein Gütesiegel für die  Klinik“, urteilte sie. Schade, denn ärztliche Kunst rettete ein Leben. Schlechte Pflege schadet dem Ruf einer medizinischen Einrichtung nachhaltig.

Kleine Erlebnisse, wie wir sie öfter aus deutschen Kliniken hören. Leider authentisch und aktuell.

So produziert man Pflegefälle. Mit Pflegenotstand hat das nichts zu tun, sondern mit der Einstellung zum Beruf. Empathie. Führungsstärke. Zugewandtheit.

Vor vielen Jahren gab es eine Kampagne: „Möchtest du dein eigener Patient sein?“ Ab und zu darüber nachzudenken, würde schon vieles bessern.

Wir von teamMedi wissen: Umdenken passiert nicht im verordneten Seminar.

Trotzdem informieren wir regelmäßig über verbesserungswürdige Kommunikation und trainieren sie.

Foto: Dagmar Möbius